Abendessen mit Herrn Knigge

Abendessen mit Herrn Knigge
Abendessen mit Herrn Knigge

"Dass die Ellenbogen nicht auf den Tisch gehören und man mit vollem Mund nicht spricht, sollte jeder auch ohne spezielle Schulung wissen. Den letzten Feinschliff von A wie Akademische Viertelstunde bis Z wie das richtige Zerlegen von Schalentieren kann man sich in einem Knigge-Seminar holen.

„Benimm ist in“ - das dachte sich der Chef eines Kamp-Lintforter Unternehmens und schickte gleich vier seiner Mitarbeiter zu dem gleichnamigen Seminar der VHS Duisburg. Das Sagen an diesem Abend, der aus einem theoretischen und einem praktischen Teil besteht, hat Rita Olejniczak. Die Personalberaterin aus Essen leitet den Kurs seit zwei Jahren und wird mit den insgesamt neun Teilnehmern in den nächsten Stunden „die Geheimnisse des Herrn Knigge ergründen“.

Feinschliff für Kontakt mit Kunden

Auch Daniel Bösche aus Kamp-Lintfort, Azubi im ersten Lehrjahr, ist mit von der Partie. „Ich bin ziemlich gespannt, was auf mich zukommt“, sagt der angehende IT-Systemkaufmann, der an diesem Abend im Anzug erschienen ist. „In manchen Situationen weiß man einfach nicht genau, wie man sich verhalten soll.“

Mit seinen 22 Jahren ist er keineswegs eine Ausnahme in dem Knigge-Kurs. „Das Publikum ist sehr heterogen“, so Rita Olejniczak. „Immer mehr Firmen stellen fest, dass Kundenorientierung auch etwas mit Tischmanieren zu tun hat. Es kommen Manager, aber auch Schüler, die gemeinsam nach Omas Kochbuch ein Abendessen zelebrieren wollen.“ Teilnehmerin Claudia Freie hat ganz konkrete Erwartungen an das Seminar: „Ich will mich endlich trauen das zu bestellen, was ich essen will - nicht das Ungefährliche.“

Bevor sie an dem Abend jedoch zum Essen kommt, wird ein wenig Theorie gebüffelt. Als Rita Olejniczak den „Fahrplan“ für den Abend an die Wand projiziert, schwant auch den drei Kamp-Lintforter Auszubildenden, dass der Abend für sie als einzige Männer kein Zuckerschlecken wird. Sieben Frauen wollen hofiert werden. Verlässt oder betritt eine Dame den Raum, heißt es „Gesäß lupfen“. Wer auf Zack ist rückt seiner „Tischdame“ gar den Stuhl zurecht. Glück hat, wer an ein emanzipierteres Exemplar gerät. Nicht alle Frauen wollen sich schließlich in den Mantel helfen oder an den Tisch setzen lassen.

Auch einige andere Regeln wurden in der Neuauflage des Knigge vor zwei Jahren gelockert: Das Schneiden der Kartoffeln mit dem Messer, früher wegen des anlaufenden Silberbestecks verboten, ist heute erlaubt. Trinken darf man, was schmeckt. Es muss nicht unbedingt ein Weißwein zum Fisch sein.

Dann wird es auch schon ernst und die noch ein wenig unsicheren Herren stürmen zur Tür, um ebendiese höflich aufzuhalten. Nach ein paar Minuten des Zurechtrückens stürzen sich alle hungrig auf das Brot, welches übrigens gebrochen, nicht geschnitten wird, und werden sofort in ihre Schranken verwiesen: „Man isst erst, wenn der Gastgeber das Signal gibt“, ertönt Olejniczaks mahnende Stimme.

„Kann den Kurs nur empfehlen“

Die weitere Konversation beschränkt sich zunächst auf die Bestecksprache, bis nach dem 4. Gang die konzentrierte Spannung von allen abfällt. Gemeinsam hat man schließlich schon die ersten Pasteten und Garnelen gemeistert.

Als nach Stunden auch Hauptgang und Dessert kniggegerecht verspeist sind, sind alle satt und zufrieden. Auch wenn im Endspurt nicht mehr alle das gerade Sitzen durchgehalten haben ist das Feedback durchweg positiv. „Ich kann den Kurs nur empfehlen. Auch wenn man vieles schon weiß, war es doch wie ein kleiner Feinschliff“, resümiert Daniel Bösche und schlüpft in seine Jacke. Sein Abend ist noch nicht vorüber, denn auf ihn wartet die Nachtschicht in einer Moerser Diskothek. Ob er dort sein frisch erworbenes Wissen anwenden konnte, ist nicht überliefert."

Autorin: Verena Waldbröl, Wochenmagazin Moers

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